Pflegegrad im Blick: Clever durch die Begutachtung kommen

Immer wieder erlebe ich es, dass Menschen auf Unterstützung verzichten, obwohl ihnen Leistungen der Pflegeversicherung zustehen würden. Unsicherheit, falsche Vorstellungen oder auch Scham führen dazu, dass kein Antrag gestellt wird und wertvolle Hilfe ungenutzt bleibt.
Dabei ist der erste Schritt oft einfacher als gedacht: Mit dem Antrag bei der Pflegekasse wird eine Begutachtung durch den Medizinischen Dienst (MD) eingeleitet. Genau hier entscheidet sich, welchen Pflegegrad Betroffene erhalten und damit auch, welche Unterstützung möglich ist.
Zwei typische Situationen aus der Praxis
Herr Becker (79)
Herr Becker lebt allein und kommt mit seinem Rollator noch gut in seiner Wohnung zurecht. Beim Besuch des MD betont er, dass „alles schon irgendwie geht“. Dass er beim Duschen unsicher ist und oft Mahlzeiten auslässt, erwähnt er nicht, denn er möchte seine Selbständigkeit und nicht seine Defizite betonen. Ergebnis: er bekommt gerade mal Pflegegrad 1. Mit diesem Ergebnis kann er z.B. eine Unterstützung für den Haushalt beantragen, aber beim Duschen und Essen erhält er keine Unterstützung. Die Versorgung ist also auf Dauer nicht gewährleistet.
Fall 2: Frau Schneider (82)
Frau Schneider lebt mit ihrer Tochter zusammen und hat Gedächtnisprobleme. Während der Begutachtung des MD ist die Tochter dabei und schildert konkret den Alltag: Frau Schneider leidet an nächtlicher Unruhe, sie benötigt Hilfe beim Anziehen und hat Orientierungsschwierigkeiten. Ergebnis: Sie erhält Pflegegrad 3, weil die Begutachter:in erkennt und einschätzen kann, wie viel Unterstützung täglich tatsächlich notwendig ist.
👉 Diese Beispiele zeigen: Entscheidend ist, wie der tatsächliche Alltag beschrieben wird, nicht der „gute Eindruck“ am Besuchstag.
So bewertet der Medizinische Dienst
Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie selbstständig ist der Mensch im Alltag?
Dazu werden sechs Bereiche geprüft:
- Mobilität
- Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
- Verhalten und psychische Problemlagen
- Selbstversorgung
- Umgang mit Krankheit und Therapie
- Alltagsgestaltung und soziale Kontakte
Aus diesen Einschätzungen entsteht eine Gesamtbewertung, auf deren Basis die Pflegekasse den Pflegegrad festlegt.
Quelle: Fachinfo_PSGII_Kurzversion.pdf
👉 Tipps für die Begutachtung
- Seien Sie ehrlich: Beschreiben Sie den Alltag so, wie er wirklich ist, auch an schlechten Tagen.
- Unterstützung einbeziehen: Eine vertraute Person sollte beim Termin dabei sein.
- Vorbereitung hilft:
- Notizen oder Pflegetagebuch
- Arztberichte und Medikationsplan
- Übersicht über Hilfsmittel
Was tun bei Unstimmigkeiten?
Wenn Sie mit der Entscheidung nicht einverstanden sind, können Sie innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen. Ergänzende Unterlagen, z. B. ärztliche Stellungnahmen, erhöhen die Erfolgschancen.
➡️ Fazit: Die Begutachtung entscheidet über wichtige Leistungen. Gute Vorbereitung und eine realistische Darstellung des Alltags sind der Schlüssel zu einer fairen Einstufung.
Falls Sie Fragen haben oder Unterstützung benötigen, lassen Sie sich z. B. von der in Ihrem Stadtbezirk zuständigen Seniorenberatung beraten.
Senior*innenberatung und Hilfe in den Stadtbezirken – Stadt Köln
Elke Strauß
Seit vielen Jahren begleite ich als Trainerin, Coach und Moderatorin Menschen in herausfordernden Arbeits- und Lebenssituationen. Mein Schwerpunkt liegt auf den Themen Pflege, Demenz, Unterstützung von Angehörigen sowie Coaching und der Entwicklung von Teams und Führungskräften.
Mein Anliegen ist es, wertvolle Impulse, praktische Tipps und inspirierende Gedanken mitzugeben – für mehr Orientierung, Entlastung und neue Perspektiven im Alltag.
Elke Strauß
Dipl. Pflegewirtin, Krankenschwester, Trainerin, Coach und Moderatorin
Mehr Infos: www.elke-strauss.de

