Zuhause bleiben – aber wie gelingt das?

Am 21. September war Weltalzheimertag – ein Tag, der seit 1994 weltweit dazu einlädt, genauer hinzuschauen: auf eine Erkrankung, die längst nicht nur das Gedächtnis betrifft, sondern das ganze Erleben eines Menschen verändert. Rund um den Tag ist der September auch der Weltalzheimermonat mit vielen Gelegenheiten, über Demenz ins Gespräch zu kommen, Vorurteile abzubauen und genauer hinzuschauen, was hinter dem Krankheitsbild wirklich steckt.
Für mich ist das ein guter Anlass, das Thema in dieser Ausgabe der „Lebensthemen“ aufzugreifen, heute vor allem mit der Frage, unter welchen Bedingungen Menschen mit Demenz so lange wie möglich zu Hause leben können.
Dass nicht nur alte Menschen von einer Demenz betroffen sind, zeigt das ZDF sehr eindrucksvoll und berührend in der Doku 37 Grad „Mein Weg ins Vergessen – Leben mit Frühdemenz“. Hier geht es um Britta, die mit 56 Jahren die Diagnose Alzheimer Demenz bekommt. Sie ist Mutter von vier Kindern und ihr Leben steht nach der Diagnose auf dem Kopf. Nichts ist mehr, wie es vorher war, und der Lebensplan der Familie muss völlig neu gedacht werden.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Etwa zwei Drittel aller Menschen mit Demenz in Deutschland leben in den eigenen vier Wänden, also dort, wo sie schon lange zu Hause sind. Und das ist auch der Wunsch der meisten Betroffenen: So lange wie möglich im vertrauten Umfeld zu bleiben, umgeben von den eigenen Dingen, den eigenen Gewohnheiten, der eigenen Geschichte, umgeben von ihren Lieblingsmenschen.
Damit das gelingt, braucht es mehr als guten Willen, denn es braucht Menschen und eine Wohnung, die mitdenken. Die wichtigste Grundregel dabei mag zunächst überraschen: So wenig verändern wie möglich. Vertraute Gegenstände, die gewohnte Möbelanordnung, der bekannte Tagesablauf, all das gibt Orientierung und nimmt einem Menschen mit Demenz ein Stück Angst und Hilflosigkeit. Wo Veränderungen dennoch nötig sind, sollten sie behutsam und nach und nach erfolgen, nie alle auf einmal, denn jede Umstellung kann kurzfristig für Verunsicherung sorgen.
Worauf es konkret ankommt:
✅Übersichtlichkeit statt Reizüberflutung: Möbel und Gegenstände auf das Nötigste reduzieren. Zu viele Eindrücke erschweren die Orientierung im Raum.
✅Freie Wege: Stolperfallen wie Teppichkanten, Kabel oder Türschwellen beseitigen; Laufwege frei halten, besonders wichtig bei erhöhtem Bewegungsdrang.
✅Orientierungshilfen: Da Zimmertüren und Schrankinhalte zunehmend nicht mehr erkannt werden, können Beschriftungen oder Bildsymbole helfen, etwa an der Badezimmertür, in Küchenschränken usw.
✅Gute Beleuchtung: Blendfrei und ausreichend hell, da Sehvermögen und Kontrastwahrnehmung im Alter nachlassen.
✅Spiegel im Blick behalten: Manche Menschen mit Demenz erkennen ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr und empfinden sich selbst dann als fremde oder als junge Person. Das kann verunsichern oder sogar ängstigen.
✅Sicherer Rückzugsraum nach draußen: Ein überschaubarer, sicherer Außenbereich, etwa ein Garten mit Rundweg, lässt Bewegungsdrang zu, ohne dass die Sorge vor dem „Weglaufen“ den Alltag bestimmt.
✅Technik mit Augenmaß: Herdabschaltung, Hausnotruf oder GPS-Tracker können enorm entlasten, aber jede technische Lösung sollte im Einzelfall abgewogen werden. Ein Bewegungsmelder etwa, der nachts automatisch Licht macht, ist für die einen eine Hilfe, kann bei anderen aber Angst auslösen.
✅Ein sinnvolles Leben führen: Menschen mit Demenz möchten so lange wie möglich an einem ganz normalen Leben teilhaben und nützlich sein.
✅Unterstützung holen: Wenn absehbar ist, dass Angehörige mit der Betreuung nicht mehr allein zurechtkommen oder einfach mal eine Auszeit brauchen, ist es Zeit, sich Unterstützung zu holen, etwa durch einen Pflege- oder Betreuungsdienst oder eine ehrenamtliche Unterstützung wie die Häuslichen Unterstützungsdienste in Köln.
✅Kalender führen: Da Menschen mit Demenz viel vergessen, ist ein Kalender für alle Termine wichtig und hilfreich, ob Arzttermin, Enkelbesuch oder ein bestimmter Film, den man sich ansehen möchte.
➡️Ein wichtiger Hinweis für Angehörige: Wer einen Pflegegrad hat, kann bei der Pflegekasse einen Zuschuss zur sogenannten „Wohnumfeldverbesserung“ beantragen, aktuell bis zu 4.180 Euro pro Maßnahme. Dies kann zum Beispiel sinnvoll sein, wenn der Einstieg in die Duschwanne zu hoch ist oder es gar keine Dusche im Bad gibt. Der Antrag muss vor Beginn der Umbaumaßnahme bei der Pflegekasse gestellt und genehmigt werden. Damit lässt sich das Zuhausebleiben in der eigenen Wohnung oft deutlich verlängern, manchmal sogar eine Heimaufnahme ganz vermeiden. Beratung hierzu gibt es bei spezialisierten Wohnraumberater:innen, in Köln zum Beispiel bei wohn-mobil – Beratungsstelle für Wohnraumanpassung und Wohnungswechsel.
❤️Was mir besonders wichtig ist: Bei aller Sicherheit darf die Würde nicht aus dem Blick geraten. Eine Wohnung, die nur noch auf Sicherheit optimiert ist, oder Menschen, die ständig Angst haben, kann sich schnell wie ein Käfig anfühlen. Die Kunst liegt darin, Schutz und Unterstützung zu bieten, ohne die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen mit Demenz einzuschränken, genau das macht am Ende den Unterschied zwischen Betreuung in einer Einrichtung und echtem Zuhause.
❤️Britta sagt im Film: „Ich denke in Gefühlen, ich denke nämlich, dass ich noch alles kann.“
Mehr gibt es an dieser Stelle nicht zu sagen!
Foto: KI-generiert, ChatGPT, Elke Strauß
Elke Strauß
Seit vielen Jahren begleite ich als Trainerin, Coach und Moderatorin Menschen in herausfordernden Arbeits- und Lebenssituationen. Mein Schwerpunkt liegt auf den Themen Pflege, Demenz, Unterstützung von Angehörigen sowie Coaching und der Entwicklung von Teams und Führungskräften.
Mein Anliegen ist es, wertvolle Impulse, praktische Tipps und inspirierende Gedanken mitzugeben – für mehr Orientierung, Entlastung und neue Perspektiven im Alltag.
Elke Strauß
Dipl. Pflegewirtin, Krankenschwester, Trainerin, Coach und Moderatorin
Mehr Infos: www.elke-strauss.de
