Zimmerpflanzenpflege: Richtig gießen ist die hohe Kunst

Gräfe und Unzer/Dave Brown. – Anstatt nach dem Schema F zu gießen, rät Jonny Balchandani, der auf den Sozialen Medien als @thebeardedplantaholic bekannt ist, den Pflanzen gut zuzuhören und auf Details zu achten.
Zimmerpflanzen sind keine bloßen Dekoelemente – sie sind lebendige Wesen, die in unseren vier Wänden eigentlich fremd sind. Ihr natürliches Zuhause ist kein viereckiger Raum, der gelegentlich von künstlichem Licht erhellt, im Sommer gekühlt und im Winter geheizt wird. Stattdessen stammen sie aus unterschiedlichen klimatischen Zonen, haben verschiedene Standortansprüche was Licht, Luft und Boden angeht und auch ihr Bedarf an Nährstoffen und Wasser ist sehr individuell. Vor allem letzteres überfordert viele, die erst anfangen, Erfahrungen mit Zimmerpflanzen zu machen. Das Problem ist, dass das Feedback der grünen Mitbewohner selten auf dem Fuße folgt, sondern sich erst deutlich später zeigt … häufig sogar erst, wenn es schon zu spät ist. „Richtig gießen ist die hohe Kunst, deine Pflanzen nicht durch Vernachlässigung oder übermäßige Liebe umzubringen“, bringt es Jonny Balchandani in seinem neuen Buch You’re overwatering it! auf den Punkt. „Gießfehler sind die häufigste Ursache für sterbende Pflanzen und trotzdem klingen die meisten Ratschläge zu dem Thema, als müsste man sich nur den richtigen Wecker stellen. Was für ein Quatsch!“
Durstig oder am Ertrinken?
Standardisierte Tipps funktionieren nicht, weil sie nicht berücksichtigen, dass Pflanzen komplexe und intelligente Organismen sind, die in Wechselwirkung mit ihrer Umgebung stehen. Der Standort, das Zimmer, die Jahreszeit … all das beeinflusst, wie durstig die Gewächse sind, wie schnell die Erde austrocknet und wie häufig man zur Gießkanne greifen sollte. Anstatt also nach dem Schema F zu handeln, rät Balchandani, der auf den Sozialen Medien als @thebeardedplantaholic bekannt ist, den Pflanzen gut zuzuhören und auf Details zu achten. Nur dann könne man den Unterschied zwischen „durstig“ und „am Ertrinken“ erkennen. Während sich ein Wassermangel mit dürren, vertrockneten Blättern zeigt, sollte man bei gelbem, aber nicht unbedingt trockenem Laub in Kombination mit weichlichen Stängeln skeptisch werden – so der Pflanzen-Guru im Kapitel „Wasser – eine Wissenschaft“. Ist zusätzlich ein dumpfer, muffiger Geruch wahrnehmbar, kämpfen die Wurzeln ums Überleben. Auch sie müssen atmen und brauchen Sauerstoff – unter Wasser ersticken sie. Dann heißt es: Handeln und zwar schnell! Wurzelballen aus dem Topf holen, braune, faulige Stellen entfernen, die gesunden mit Aktivkohle behandeln und einen neuen Topf mit luftiger Erde befüllen. „Wenn du chronisch zum Überwässern neigst, leg dir lieber eine feuchtigkeitsliebende Pflanze zu oder gieß sie von unten“, empfiehlt Balchandani.
Gießtechniken vom Pflanzen-Guru
Nicht nur die Menge an Wasser ist entscheidend, sondern auch, wie man gießt – und das hängt wiederum von der Pflanze ab. „Manche Pflanzen wollen einmal richtig durchnässt werden, andere mögen es lieber, leicht besprüht zu werden – obwohl eine solche Benebelung eigentlich kein Gießersatz ist“, erklärt Balchandani. „Durch Benebelung steigt die Luftfeuchtigkeit für 30 Sekunden bis maximal fünf Minuten. Danach verschwindet der Effekt.“ Stattdessen gibt er in You’re overwatering it! drei ratsame Gießtechniken an die Hand, mit denen man seinen Pflanzen etwas Gutes tun kann. Von unten Gießen ist laut dem Pflanzen-Guru ideal für Korbmaranten, Silbernetzblätter und Zwergpfeffer. Die Tiefenbewässerung, bei der der Boden komplett durchtränkt wird, das Wasser aber abfließen kann, empfiehlt er für Monsteras, Philodendren und überhaupt für große Grünpflanzen. Das Durchtränken, bei dem der Topf für 20 bis 30 Minuten in einen Wassereimer gestellt wird, mache bei stark dehydrierten Pflanzen im Terrakottatopf Sinn. Übrigens: „Wasser ist nicht gleich Wasser und manche Pflanzen sind ziemlich wählerisch“, sagt Balchandani. „Leitungswasser ist für die meiste Pflanzen in Ordnung. Regenwasser ist der Goldstandard.“
Vergiss, was man dir sagte
Gerade im Internet finden sich viele Gießtipps, die die Pflanzenpflege wie Fließbandarbeit wirken lassen. Man macht einfach immer dasselbe und das Ergebnis wird gut. Tatsächlich braucht es aber etwas mehr Feingefühl, um die Bedürfnisse der lebendigen Mitbewohner zu erkennen und entsprechend zu handeln. „Deine Pflanzen brauchen keinen starren Gießplan – sondern deine Aufmerksamkeit!“, betont Balchandani. „Wenn du das begreifst, wirst du schnell ein Gefühl fürs Gießen entwickeln. Dein Gießinstinkt wird erwachen.“ Mehr praktische Tipps vom Pflanzen-Guru gibt er in seinem im Gräfe und Unzer-Verlag erschienenen neuen Buch You’re overwatering it!, einem „alltagserprobten Leitfaden“, mit dem Pflanzeneltern ihre grünen Gewächse verstehen lernen und mit ihnen wachsen.
Informationen zum Buch:
Jonny Balchandani
You’re overwatering it!
Gräfe und Unzer Verlag
224 Seiten, 24,5 x 18,8 cm, gebunden
Mit 10 farbigen Abbildungen und 130 farbigen Fotos
ISBN 978-3-7589-0047-1
Preis: 28,00 €
Informationen zum Autor:
Dem bärtigen Pflanzensüchtigen alias @thebeardedplantaholic, wie sich Jonny Balchandani auf Social Media nennt, folgen über 800.000 Menschen auf YouTube, Instagram, Facebook und TikTok. Dort holen sie sich Tipps, Tricks und Fachwissen für ihre (vornehmlich grünen) Zimmerpflanzen. Seine Erfahrung in der Pflanzenpflege umfasst mittlerweile 17 Jahre, seine Präsenz auf Social Media sechs Jahre. Von Anzucht über Vermehrung bis hin zur Pflege reicht sein Wissen, welches er sowohl auf seinen Kanälen als auch in seinem Buch „You’re overwatering it!“ mit einer großen Prise Humor weitergibt.
Fotos: Gräfe und Unzer Verlag
