Berlin, Berlin

Berlin, Berlin, wir waren in Berlin!

Rodenkirchener Dreigestirn wurde im Reichstag empfangen und begab sich anschließend auf die Spuren des kölschen Bieres in der Hauptstadt – Der Bilderbogen war dabei

Die Idee wurde beim Neujahrsempfang im Rodenkirchener Bezirksrathaus geboren. Elfi Scho-Antwerpes, Bürgermeisterin der Stadt Köln mit Sitz im Reichstag, sagte spontan zum Rodenkirchener Dreigestirn: „Eigentlich könntet ihr mich einmal in Berlin besuchen!“ Prinz Uwe I., Bauer Markus und Jungfrau Bärbel ließen die Idee kurz sacken, beauftragten ihren Prinzenführer H. P. Bloch aber gleich mal mit einer „Machbarkeitsstudie“. Der setzte sich mit dem Berliner Büro der Bundestagsabgeordneten in Verbindung. Ein Termin war bald gefunden: man einigte sich auf den 13. und 14. Februar, die beiden Tage nach der Wahl des neuen Bundespräsidenten. Alle Abgeordneten sind in Berlin, am Mittwoch, 15. Februar, beginnt nach dem Rückbau des Reichstages wieder eine normale Sitzungswoche für die Bundestagsabgeordneten. Die Idee mit der Berlin-Tour ging in Rodenkirchener Karnevalisten-Kreisen schnell rund. Für mich war klar, dass ich dabei sein musste, und ich nahm Kontakt zum Präsidenten der Knobelbröder, Peter Faust auf. Wir sprachen über die Kosten, und ich sagte: „Ich nehme aber meine Frau mit!“ – „Ich auch“ sagte der Präsident, und so waren es schließlich 33 Jecken aus dem Großraum Rodenkirchen, die inklusive Dreigestirn Berlin erobern wollten. Der älteste Teilnehmer war übrigens Willi Frommer aus Sürth mit über 80 Jahren, die jüngste Teilnehmerin die kleine Esther Nahrendorf mit gerade mal zehn Monaten. Ich verzichte hier auf die Formulierung „die Tochter der Jungfrau“, weil sich das irgendwie komisch anhört. Die Knobelbröder waren in der Überzahl, aber es waren auch andere Farben vertreten, sodass wir bei allen Auftritten in der Hauptstadt ein buntes Bild abgaben.

Montag morgen, 5.45 Uhr

Eine Uhrzeit, bei der es wenig Vergnügen bereitet, mit dem Rollkoffer einmal quer durch Rodenkirchen zu laufen. Aber vor der Hofburg stand schon der moderne Bus von Rheinland-Touristik, der die versammelten Jecken nach Berlin bringen soll. Den Koffer mit Hilfe der Fahrerin Verena verstaut, und schon hinein in die gute Stube. Es waren sogar noch zwei Plätze nebeneinander frei, und so saßen wir auf der Hinfahrt hinter Familie Jungfrau. Mein Respekt galt der Dreigestirns-Begleitung, denn die hatten sicher schon ein Stündchen gearbeitet, denn die Ornate hingen sicher eingepackt ganz hinten im Bus. Alle an Bord? Ja, es konnte pünktlich losgehen. Die Fahrerin hatte sich informiert und die Strecke so ausgewählt, dass wir in keinen Stau gerieten. Wir machten pünktlich Pause, mir fiel auf, dass sich die meisten deutschen Autobahnraststätten in den Händen von Fast-Food-Ketten befinden. Ich beneidete die Zeitgenossen, die im öffentlichen Verkehrsmittel schlafen können, und irgendwann um die Mittagszeit meinte jemand, es wäre an der Zeit, ein Bier zu trinken. Die Organisatoren hatten Reißdorf-Kölsch gebunkert. Kein Wunder, wenn man weiß, dass der Prinzenführer in dieser Brauerei eine ganz wichtige Position innehat. Früher als erwartet trafen wir in Berlin ein und checkten im Sorat Ambassador ein. Schnell frisch machen und ab mit der Frau auf den Kurfürstendamm was essen. Pünktlich um 17 Uhr stand der Bus wieder bereit, die Karnevalisten im Ornat, der Rest im kleinen Bieranzug, auf geht es in die Ständige Vertretung in der Nähe vom Bahnhof Friedrichstraße.

Montag, 18.00 Uhr

Alle sammeln sich vor der „StäV“. H. P. Bloch und ich gehen hinein, treffen mit Paul Klein und Heinz-Günter Dickel zwei Mitglieder der Reiter, die beruflich in Berlin weilen. Elfi Scho-Antwerpes ist natürlich auch da und hat im hinteren Teil der Kultkneipe drei große Tische reserviert. Herzliche Begrüßung, und schon kann der Prinzenführer das Zeichen zum Einmarsch geben. „Ach wär ich nur, ein einzig Mal, ein schmucker Prinz im Karneval…“. Singend marschieren die Jecken in das zu dieser Uhrzeit gut halbvolle Lokal. Die Gäste sind nicht uninteressiert, es sind sogar einige Rheinländer dabei. Festkomitee-Präsident Georg Wohlgram stellt Prinz Uwe, Bauer Markus und Jungfrau Bärbel vor, die Bundestagsabgeordnete bekommt ihren Orden, und wenig später auch die beiden Inhaber Friedel Drautzburg und Harald Grunert, die sich zu uns gesellt haben. Die beiden haben das Lokal schon geführt, als es noch in Bonn beheimatet war. Nach dem Umzug nach Berlin zogen die beiden hinterher. Grunert hat den Karneval mit nach Berlin genommen, war selbst einmal Prinz und hat zehn Jahre hier den Karnevalszug organisiert. Mittlerweile hat jeder seinen Platz gefunden. Ich geselle mich zu einem Mann, der eine Mütze der Ehrengarde der Stadt Köln auf dem Kopf trägt. Er stellt sich als Erik Bettermann vor und war zwölf Jahre lang Intendant der Deutschen Welle in Bonn. Was besonders interessant ist: er begann seine Karriere 1958 auf dem Gemeindeamt in Rodenkirchen, wo er Leiter des Bürgermeisterbüros und Pressesprecher wurde. Bürgermeister war damals Heribert Mölders. Nach zwei Jahren wurde er Justitiar der Handwerkskammer Köln, zog dann in die Bundeshauptstadt. Solange seine Frau in Berlin noch arbeitet bleibt er auch dort und bekleidet einige Ehrenämter. Wenn seine Frau nicht mehr berufstätig ist, will er wieder ins Rheinland ziehen. Und zwar in das Auenviertel in Rodenkirchen, wo er sich vor mehr als zehn Jahren schon ein Haus gekauft hat.

Montag, 21.00 Uhr

Die Ständige Vertretung ist „gerammelt voll“. Viele Besucher wollen ein Foto mit dem Dreigestirn machen. Ich erkläre Elfi Scho-Antwerpes noch, was es mit der Dreigestirns-Standarte des Rodenkirchener Dreigestirns von 1996 auf sich hat, die in einem Schaukasten gleich links vom Eingang untergebracht ist. Dieses Dreigestirn ist niemals proklamiert worden. Sie erinnern sich: Stichwort Schwule Jungfrau. Es gab einen Skandal, der von dem damals noch jungen Sender RTL befeuert wurde. Das Festkomitee hatte den Schaden, und ein Vorstandsmitglied, ich vermute mal, es war der damalige Geschäftsführer Karl-Heinz Borgis, hat die „Hinterlassenschaften“ der drei Herren zugunsten des Festkomitees verkauft, und Harald Grunert hat sie erworben.
Szenewechsel: Die Gruppe macht sich zu einem weiteren Kölsch-Lokal in der Dorotheenstraße auf. Auch hier Einmarsch, auch hier warten Dickel und Klein. Es ist Günter Dickels Stammlokal, wenn er bei seiner Chefin, Familienministerin Manuela Schwesig, einen Besuch abstattet. Er zeigt uns das Ludwig-Erhard-Zimmer, die Hans-Süper-Ecke, erklärt die wirklich „kölsche Foderkaat“. Unser Nestor Willi Frommer hat im „Beichtstuhl“ des Lokals Platz genommen. Angeblich soll der mal im Kölner Dom gestanden haben.

Montag, 23 Uhr

Absacker im „Berlinchen“, einer Berliner Kultkneipe gegenüber vom Hotel. Es gibt vier Spitzenbiere vom Fass. Störend ist für einige Besucher aus Köln nur, dass in Berlin in Kneipen noch geraucht werden darf.

Dienstag, 6 Uhr

Frühstück im Hotel. Dafür muss man sich auch zu so einer frühen Stunde Zeit nehmen. 7.30 Uhr Abfahrt. Wir müssen pünktlich in der Sicherheitsschleuse zum Reichstag sein. Wir sind es. Jungfrau Bärbel, gestern Abend aus Schonungsgründen als Erste im Bett, ist auch wieder leidlich fit. Nach der Überprüfung musste der Prinz seine Federn, sein Zepter und der Bauer seinen Dreschflegel zurücklassen. Im Reichstag forderten uns die Damen und Herren an der Garderobe auf, auch die Kopfbedeckungen abzunehmen. Vereinzelt gab es Widerstand, aber der war zwecklos. Vorschrift ist schließlich Vorschrift. Und so nahmen wir ohne Kopfbedeckungen auf der Zuschauertribüne im Reichstag Platz, während unten Arbeiter mit dem Rückbau von der Bundespräsidentenwahl beschäftigt waren. Immerhin gab es für uns und die anderen Besucher einen relativ interessanten Vortrag über die Gepflogenheiten hier. Wussten Sie, dass es einen Weckdienst für Besucher gibt. Der sitzt unten und schaut sich die Tribünen genau an. Wenn jemand eingeschlafen ist, wird ein Beamter auf der ersten Etage informiert, der den betreffenden Zuschauer dann weckt. Übrigens: Für die Bundestagsabgeordneten gibt es diesen Weckdienst nicht. Vortrag auf der Besucherebene zu Ende, an der Garderobe gibt es die Mützen wieder. Nach einem Besuch der Kuppel wechseln wir ins Jakob-Kaiser-Haus, wo das Gespräch mit Elfi Scho-Antwerpes ansteht. Wir nehmen in einem kleinen Sälchen Platz und unterhalten uns zwanglos, die Abgeordnete erzählt über ihre Arbeitsgebiete. Ein paar SPD-Bundestagsabgeordnete gesellen sich dazu, schließlich stößt auch die Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestages, Ulla Schmidt aus Aachen zur Gruppe, die ja auch einmal einige Jahre Bundesgesundheitsministerin war. Auch sie bekommt den Dreigestirnsorden, ein Bützjen von Prinz und Bauer und meinte: „Jungfrauen küsst man ja nicht so oft!“ Es wäre ihr eine Freude und eine Ehre, mal ein Dreigestirn aus Köln hier begrüßen zu können. „Wir werden daraus eine Tradition machen!“ Außerdem stellte sie fest, dass Prinz Uwe Nowak Mitglied des 1. FC Köln ist. „Damit hat er was gemeinsam mit unserem Shooting-Star Martin Schulz!“ Und zum Karneval in Berlin: „Ich habe mal eher zufällig einen Umzug gesehen. Das muss man sich nicht antun. Da dreht sich jedem Rheinländer der Magen rum. Sowas kann man nicht importieren, das muss man in den Genen haben!“

Dienstag, 11.45 Uhr

Wir verabschieden uns von Ulla Schmidt. Elfi Scho-Antwerpes bringt uns (unterirdisch) zum Besuchsdienst zurück. Unterwegs treffen wir noch auf einige SPD-Abgeordnete, die auch alle ein Foto haben wollen. Am Besuchsdienst werden wir wieder übernommen und in die Kantine gebracht, das war ein gefühlter Kilometer wieder zurück. Nach dem Kantinenessen geht es zurück zum Ausgang, und das Dreigestirn bekommt seine Utensilien wieder. Draußen geht es zu Fuß zum Brandenburger Tor, wo wir uns mit unserer Fahrerin Verena und ihrem Bus verabredet haben. Weiter vorne hielt dann eine der typischen Berliner Luxuskarossen an, eine junge Frau sprang heraus und sprach die Gruppe an. Sie wäre auch aus Köln und hätte am Rodenkirchener Gymnasium Abitur gemacht. Als ich die Gruppe erreichte, konnte ich aufklären: Es war keine Geringere als die Bundesgeschäftsführerin der SPD, Katarina Barley. Ich habe sie mal in Trier zu einem Interview getroffen, als sie überraschender Weise ihren Trierer Wahlkreis direkt gewann. Sie zog in den Bundestag ein und kam gleich in den erweiterten Fraktionsvorstand. Ein gutes Jahr später wurde sie zur Bundesgeschäftsführerin der SPD gewählt. Das Foto vor dem Brandenburger Tor kam zwar zustande, aber ohne Bus. „Nur“ mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund. Dann schnell in den Bus und ab nach Köln. Das Dreigestirn zog sich im Bus um, ist froh, die lange Fahrt wieder in normaler Kleidung antreten zu können. Schnell noch mal am großen Kreisel ein Blick auf die „Gold-Else“, dann ab auf die Autobahn. Köln wartet schon.

Dienstag, 21.30 Uhr

Endlich wieder zu Hause. Die Rückfahrt war so ähnlich wie die Hinfahrt. Die Busfahrerin fuhr wieder gut und zügig, es gab keinen Stau, aber wieder die vorgeschriebenen Pausen. Schließlich in Rodenkirchen angekommen, Bus ausladen geht doppelt so schnell wie einladen. Noch ein Absacker in der Hofburg, dann ruft das eigene Bett. Schließlich ist morgen wieder früh Tag, und morgen warten wieder andere Jecken auf das Rodenkirchener Dreigestirn. (ht).